Gelbgrün oder grüngelb


Gelbgrün mit hellen Reflexen oder grüngelb mit nicht so hellen Reflexen?

 

Ist doch schietegal — wie wir hier in Hamburg sagen. Oder? Eine Fallanalyse.

Der klassische Aufbau einer Weinbeschreibung geht doch meistens so:

Erst kommt die Farbe. Dann der Obstkorb. Ach je — und später noch das Gefühl am Gaumen und natürlich der Abgang. Aber jetzt mal Butter bei die Fische: Wen interessiert das alles in voller Breitseite wirklich? Zählt am Ende nicht vor allem der eigene Geschmack? Was mag ich trinken — und was nicht?

Mich persönlich interessieren ja eher Geschichte und Geschichten. Was steckt hinter dem Wein? Die Winzer, die Reben, die Herstellung. Und wenn man eine Weinempfehlung spannend findet, hilft am Ende sowieso meistens nur eins: selber probieren.

Natürlich gibt es Ausnahmen von dieser hier ziemlich steil aufgestellten These.

Zunächst einmal bei den Aromen. Ob gerochen oder geschmeckt – ich fasse das hier der Einfachheit halber dreisterweise mal zusammen. Die sind in meinen Augen jedenfalls deutlich wichtiger als die Farbe. Denn ich bin zum Beispiel äußerst dankbar, wenn irgendwo in einer Beschreibung „Veilchen“ erwähnt wird. Dann weiß ich sofort: Vorsicht (!).

Wobei ja das, was man zu schmecken glaubt, in Wahrheit oft eher gerochen wird — aber das ist noch mal eine ganz andere Baustelle.

Jedenfalls „Veilchen“. Da ist bei mir sofort die ungeliebte Erinnerung an meine mich feucht küssende Tante Helga präsent. Brrrrr. Dafür kann der Wein nun wirklich nichts — sondern ausschließlich die olle Tante und ihr Veilchen-Parfum.

Wobei man es auch bei den Aromen nicht übertreiben muss. Wenn sich Weinbeschreibungen irgendwann zwischen exotischen Streuobstwiesen, marodem Holz und frisch besohlten Lederschuhen verlieren, macht das einen Wein nicht automatisch verständlicher — oder begehrlicher.

Und auch beim “berühmten” Abgang gilt: So kompliziert ist die Sache eigentlich gar nicht. Bleibt der Wein angenehm präsent, ist das gut. Schmeckt man ihn nach zwei Sekunden kaum mehr – nicht so gut. Hat er aber irgendwo in der Mitte ein richtiges Loch, sollte man unter Umständen über den Grund philosophieren. Dann geht er entweder durchs Tal der Tränen oder steht nie wieder auf.

Aber Leute, ganz ehrlich: Bei der Farbe eines Weines ist das wirklich noch mal eine ganz andere Sache. Manchmal lesen sich solche Beschreibungen doch wie die Farbkarten aus der Malerabteilung im Baumarkt. Ich möchte einen Wein trinken, der mir schmeckt — und nicht entscheiden, welchen Farbton die Wand im Gäste-WC bekommen soll.

Oder um es auf die Spitze zu treiben: Wenn die Farbe bei einem Alltagswein wirklich so wichtig wäre — warum trinken wir dann nicht einfach danach?Getreu dem Motto: „Heute im Glas: ein mittleres Zitronengelb mit silbrigen Reflexen. Was drin ist? Keine Ahnung. Rebsorte unbekannt. Aber die Farbe klingt hervorragend und sieht ausgesprochen überzeugend aus.“

Spaß beiseite. Natürlich gibt es Situationen, in denen man über die Farbe eines Weins sprechen muss.Farbverlauf Fehler

Denn ganz so einfach ist es dann natürlich doch wieder nicht: Auch ich werde das Farbspektrum, das uns im Glas begegnet, weiterhin nicht völlig aus den Augen verlieren. Vorausgesetzt, es transportiert tatsächlich eine Information.

Wenn ein Rotwein ziegelrot schimmert wie ein verrosteter Blecheimer nach drei Wochen Regen, lässt sich das nur schwer ignorieren. Dann wird es spannend. Dann hat der Wein Geschichte. Dann muss das erwähnt werden, weil es einen Grund für diese Entwicklung gibt. Oder wenn ein Weißwein aussieht wie Madeira. Auch dann besteht selbstverständlich Redebedarf.

Aber unterm Strich sollten wir uns bei allem Geschreibe vor allem den wirklich wichtigen Dingen widmen: Schmeckt er — oder schmeckt er nicht?

Nun genieße ich weiter meinen griechischen Orange Wine, der ein interessantes Spiel aus Sherrygelb mit goldenen Reflexen ins Glas bringt. Bei dieser Art Wein allerdings keine große Überraschung — und genau deshalb spielt es keine Rolle.

Jámas.

 

 

 

Das Agenten-Urteil:

Weniger ist mehr, wenn es um die Farbe eines Weins in seiner Beschreibung geht.

Müsste ich zwischen einem Wein in „hellgelb mit grünlichen Reflexen“ und einem Wein, der mir schmeckt, wählen — ich nehme den, der schmeckt.

 

Die Fall-Fakten:

Farbe ist nichts oder alles. 

 

Das WeinSpion-Fazit

Die Farbe eines Weins wird nur in besonderen Fällen unter die Lupe genommen. Sie ist manchmal wichtig — aber nur selten der interessanteste Teil an ihm.

 

 

Einschenken, wie immer, auf eigene Gefahr.
Bleibt uns gewogen – bis zum nächsten Fall rund ums Glas.

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