Weingut Hiestand • Hammerstein Portugieser 2018 • Rheinhessen • Deutschland
Portugieser? Neeeeeein! Doch.
Ich sehe dich schon die Nase rümpfen und die Lust am Weiterlesen verlieren. Trink ich doch eh nicht, schießt es dir durch den Kopf. Kenne ich nicht. Oder schon mal gehört – aber ist der nicht viel zu süß? So was Komisches aus Deutschland. Und wenn überhaupt deutschen Rotwein, dann lieber Merlot oder Cabernet Sauvignon. Gibt es schließlich auch schon etwas länger bei uns – da weiß man wenigstens, was man hat. Frankreich, Chile – bekannt.
Neeeeeein. Sofort weg mit all den Vorurteilen. Denn, liebe Leser, ihr kennt offensichtlich das Weingut Hiestand aus Guntersblum in Rheinhessen nicht.
Ich hingegen kenne Hiestands seit mehr als 20 Jahren. Schon damals, wie auch heute, waren und sind die Weine exzellent. Nachdem Junior Gunther 2012 übernommen hat, wurden sie für mich aber immer bemerkenswerter in Sachen Langlebigkeit. Wer dort heute kauft, weiß: Entweder greift man getrost zu älteren Jahrgängen – oder übt sich ein wenig in Geduld, um den Wein auf seinem Höhepunkt zu erleben. Was natürlich nicht heißt, dass es nicht auch Weine gibt, die sofort „von der Flasche ins Glas“ Spaß machen. Bereits 2001 begann übrigens die Umstellung auf bio-organischen Weinbau.
Dieser Portugieser gehört jedenfalls definitiv zur Kategorie “Geduld und Spucke”, wenn man erfahren möchte, welches Potenzial deutscher Rotwein haben kann.
Und gerade deshalb muss in diesem Fall sogar ich (-> hier lesen, was ich dem entgegenzusetzen habe) tatsächlich über die Farbe schreiben. Denn die ist erstaunlich frisch. Zwar zeigt er am oberen Rand kamin- bis ziegelrote Verfärbungen, ist also nicht mehr ganz so vollrot unterwegs, aber das Alter ist schwer einzuschätzen. Erst geschmacklich merkt man ihm dann (im positiven Sinn) die Reife an.
Morello-Kirsche, ganz klar. Wenn man will, kann man auch Pflaume hineininterpretieren. Leicht kompottartig jedenfalls, eben alles schon wie ein bisschen eingekocht. Dazu ein gekonnter Holzeinschlag ohne Motorsägenmassaker. Alles in allem eine wohlige, runde Sache ohne unangenehme Säurespitze.
Vor ein, zwei Jahren wäre er vielleicht noch mehr auf seinem Höhepunkt gewesen, aber wer kann das schon so genau sagen. Ganz frisch abgefüllt hätte man dagegen sehr wahrscheinlich gedacht: Ach Junge, du brauchst noch ein bisschen. Insofern habe ich aus meiner Sicht mit der Wahl des Zeitpunkts zum Entkorken jedenfalls alles richtig gemacht.
Denn er stellt sich zudem als ziemlich guter Allrounder dar – und damit meine ich vor allem seine Kompetenzen als Essensbegleiter. Wir hatten ihn zu Lachs mit Haube und einem Salat, was wunderbar funktioniert hat. Er hat den Fisch überhaupt nicht überdeckt, sondern vielmehr ergänzt. Ich kann ihn mir aber genauso gut im Herbst zu einem Rehrücken mit Pilzen, Rotweinsauce und Johannisbeerkompott vorstellen. Oder vorm Kamin bei einem prasselnden Feuer. Ein ziemlich umgänglicher “Typ” eben.
Und noch etwas für alle, die beim Portugieser ob der „unbekannten Rebsorte“ am Anfang die Nase gerümpft haben: Nach Spätburgunder und Dornfelder ist er hinsichtlich der Anbaufläche die drittwichtigste Rotweinrebsorte Deutschlands. Jawoll! Allein 2023 standen noch gute 2.000 Hektar Portugieser in deutschen Weinbergen, davon 885 Hektar in Rheinhessen. Und das Weingut Hiestand bewirtschaftet erfolgreich einen Teil davon – wie so manch anderer Winzer dort. Aber das gehört in einen nächsten Beitrag.
So unbekannt und komisch ist er also gar nicht. Man muss nur den richtigen im Glas haben.
Das Agenten-Urteil:
Je oller, desto doller. Nein, Spaß beiseite. Dieser Portugieser zeigt ziemlich eindrucksvoll, was herausragende Arbeit im Weinberg und im Keller plus die nötige Zeit aus einer zu Unrecht unterschätzten Rebsorte machen kann. Vorurteil widerlegt. Fall abgeschlossen.
Die Fall-Fakten:
HIESTAND Weingut & Hofbrennerei • Hammerstein Portugieser QbA trocken • 13,5% Alk. • Jahrgang 2018 • Rheinhessen, Deutschland • ca. €32,00
Bestellen geht am einfachsten direkt beim Weingut -> hier.
Mein Einkaufstipp: Man kann aktuell zwei Jahrgänge bestellen – nämlich 2011 und 2020. Wenn das nicht nach einer kleinen Vergleichsmission schreit.
Das WeinSpion-Fazit
9 von 10 Lupen
Einschenken, wie immer, auf eigene Gefahr.
Bleibt uns gewogen – bis zum nächsten Fall rund ums Glas.

