Sauft gefälligst selber!


Abschreiben gilt nicht

Eine Stunde Wein.

Nein, das hier ist kein Text, den man in einer Stunde lesen müsste. Auch nicht, indem man eine Stunde ununterbrochen Wein dazu trinken sollte. Die Stunde ist die ungefähre Zeit, die ich jeweils in eins meiner Dossiers investiere. Manchmal trinke ich den Wein aber auch schon vor der benannten Zeit. Oftmals mit einem kleinen Notizzettel, auf welchem ich Attribute notiere: Design, Farbe, Reflexe, Bouquet, Geschmack, Abgang, etc. Offline wohlgemerkt. Je nach Situation werden direkt auch ein paar Bilder geschossen.

Danach gehe ich erst an den Rechner und damit online. Manchmal sogar ein oder zwei Tage später. Ich erstelle eine neue Seite, trage die Eckdaten ein und formatiere die Bilder. Dann bemühe ich Google um mal zu schauen, ob sonst wer schon was zu dem jeweiligen Wein geschrieben hat oder ob es interessante Hintergrundinformationen gibt. Daraus und aus meinen eigenen Notizen erstelle ich dann mein Dossier. Und korrigiere und ergänze es. Mehrfach…

Der Usprung?

Was mir jedoch immer wieder auffällt sind mehr oder weniger markante Formulierungen, Texte und Textabschnitte, die fast schon zum viralen Deja Vú werden. Als würde es zu gewissen Weinen eine Art “Urtext” geben, aus welchem sich jeder bedient. Nun ja, bei einer PR-Veröffentlichung zu Kellerei-Produkten oder einer Selbstdarstellung des Winzers wäre das ja für die (Online-) Shops fast schon normal, da der (Online-) Kunde sich seine Beratung so oder so zusammen-googelt.

Über die Qualität, Kreativität und Aussagekraft der zuvor genannten PR-Texte kann man übrigens manchmal nur den Kopf schütteln. Wer jemals in der Musikindustrie unterwegs war und die “Beipackzettel” der Neuveröffentlichungen (Singles) gelesen hat, weiß was ich meine…

Aber bei Bloggern? Influencern? Hobby-Verkostern? (Wein-) Journalisten? Oder den Online-Plattformen von physikalisch existenten Shops? Ich bin mir nicht immer sicher, ob der beschriebene Wein überhaupt je über die Lippen des Schreibenden gegangen ist…

Zitronengelb

Ein “anschauliches” Bespiel dazu hatte ich die Tage beim Verkosten des 2019er Grauburgunders “Samtmuschel” von FOGT erleben dürfen. Online gefunden habe ich recht viele Texte zu diesem Wein. Dort war immer wieder die Rede von:

Im Glas mit einem blassen Zitronengelb…

(Quelle) Diverse

Nun frage ich mich allen Ernstes, wer eigentlich den “Urtext” verfasst hat und ob der- oder diejenige farbenblind ist. Oder ob schon der erste Text eigentlich nix mit dem Samtmuschel zu tun hatte sondern vom Phrasen-Roboter ausgewürfelt wurde.

In meinem Glas war wohl ein anderer Wein. Der war nämlich nicht (blass) zitronengelb, also (k)ein klares, fast schon aus sich leuchtendes Gelb mit Nuancen von grün. Mein Grauburgunder war vielmehr (blass) strohgelb, ein dezentes, eher grau gedecktes Gelb sowie in diesem Fall mit deutlich kupfer-rötlichen Elementen(!), ähnlich wie bei Rotgold oder Messing.

Diese Nuancen wären für einen Grauburgunder übrigens nicht unüblich. Kein grundlegendes Thema, aber eben gut zu erkennen. Tja, wer jetzt mal Google bemüht, wird den Zitronen-Hinweis zu FOGTs Samtmuschel vielfach wiederfinden und auch weitere Textbausteine zu diesem Grauburgunder sind verdächtig ähnlich…

Wider dem Copy & Paste

OK, das Beispiel hat vielleicht nicht unbedingt Skandalcharakter, aber es illustriert das Grundproblem der Abschreiberei ganz gut. Wie gesagt, bei großen Online-Versendern bzw. Großhändlern kann ich es ja fast noch verstehen. Aber ansonsten? Wie auch immer …

Sauft gefälligst selber! Oder aber: Kauft selber und sauft’s dann! Was ich hier beschreibe, habe ich auch selbst gesoffen verkostet. Manches sogar mehrfach. Viele Flaschen geleert. Und so wird es auch bleiben.

Oder, um es mit Henrik Thoma / Wein am Limit zu sagen: #makeyouraltglascontainergreatagain !

Cheers!